
Eine Leidenschaft
Klettern ist meine Leidenschaft. Ich fühle mich wohler oben als unten. Um es auf dem Punkt zu bringen: ich habe irgendwie Bodenangst :-)
Unten, das ist nicht meine Welt. Ich kann mich nicht so richtig wie ich es mir wünsche bewegen, ich fühle mich sehr behindert. Was auch eine gewisse Realität entspricht. Ich leide an der Auto-immune Krankheit Rheumatoïde Arthritis oder chronische Entzündung der Gelenke. Das beeinträchtigt mein Leben und mein Alltag sehr. Insbesondere das Gehen fällt mir schwer. Inswischen wurde mir ein GdB von 60% anerkannt.
Nach oben bewege ich mich dagegen flink wie ein Eichhörnchen. Daher mein Spitzname. Ich habe sehr früh mit dem Klettern angefangen und die dritte Dimension ist meine Welt. Ich fühle, ich spüre das Klettern, das habe ich in mir. Ich weiß wie ich meine Kräfte sparen kann und wie ich mit dem Körper balancieren kann, um die Belastung meiner Gelenke gering zu halten. Ich fühle mich beim Klettern wie beflügelt und denke kaum an meinen chronischen Schmerzen. Vielleicht ist das Adrenalin, dass mir dabei die chronische Entzündung meiner Gelenke vergessen lässt. Es wirkt wie ein Schmerzmittel. Oben fühle ich mich frei. Freier Blick in die Ferne für große Träume und machbare Utopien.Und das ist auch ein Schritt zu deren Verwirklichung. Hâtez-vous lentement de faire la rêve-olution! - Auf Deutsch klingt es nicht so schön wie auf Französisch, weil das Wortspiel nicht funktioniert, der Satz bedeutet aber etwa "Beeilt euch langsam, die "Traum-revolution zu verwirklichen!"
Eine Form der Äußerung und des
tatkräftigen Demonstrieren
Als leidenschaftliche Kletterin und politischer Mensch habe ich peu à peu entdeckt, dass politisches Klettern ganz schön effektiv sein kann. Diese Form der Äußerung ist nicht zu übersehen, sie ruft zahlreiche Reaktionen hervor unst ist Sand im Getriebe eines verrückten blinden zerstörerischen Systems. um nur einige Beispiele zu nennen: Baumbesetzungen oder Happeningartige Aktionen (Kurzfristige Klettereinsatz an unerwarteter Stelle) gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlage, die Umwelt: gegen Atom- und Kohlegeschäfte, gegen Abholzung und Autobahnbauten oder Flughafenausbauten, etc... Der Protest wird sichtbar und bereitet dem Gegner Probleme.
Eine Kunst - das ist ja hier mein Thema
Soziale Bewegungen sind Bestandteil einer Gesellschaft. Und wie in jeder Bereich der Gesellschaft hat die Kunst ihren Platz. In sozialen Bewegungen spielt sie eine besonders wichtige Rolle. Kreativität ist in der tat ein Schlüssel für den Erfolg von Protest "Kreativität ist eine Waffe" lautet oft mein Motto. Es geht darum, Aufmerksamkeit auf sein Anliegen durch eine besondere "Performance" zu lenken, um Veränderung in der Gesellschaft zu erreichen. Es ist in der Form von Musik oder Straßentheater (und Straßenmusik) beispielsweise sehr geläufig.
Warum nicht politisches Aktions-Klettern als kreative künstlerische Performance im Einsatz für soziale Bewegungen?
Waghalsige Kletteraktionen wie ich sie durchführe sind für sich eine "Performance". Manche Künstler sind für ihre politischen Texte,oder Gemälde bekannt.Ich bin für meine Aktionskunst, das politische Klettern bekannt.
Aktionsklettern ist unkonventionell, kreativ, subversiv, spektakulär und aufsehenerregend. Wie manch andere Kunststücke es auch sein können.
* Unkonventionell weil, es einer ungewöhnlichen artistischen Protestgestaltung entspricht. In einer von ungeschriebenen Gesetzen wie Normen geprägten Gesellschaft provoziert diese Art der Äußerung. Ein Gesetz, was vorschreibt, sich ausschließlich horizontal zu bewegen gibt es nicht - Als ich aber mal statt Schaufenster Bummeln eine vertikale Stadterkundung an Frankfurter Hochhäuser unternahm, sorgte dies für große Aufregung. Normen in Frage stellen und Menschen zum Nachdenken bringen finde ich gut. Das ist eine Art Befreiung in einer Gesellschaft, die ihre unsichtbaren Fesseln nicht spürt.
* kreativ weil, ich als Kletterakrobatin immer wieder an unerwarteter Stelle in Aktion trete. Das stört den Gegner und imponiert ihm zugleich. Ich passe einfach in keiner Schublade rein. Das bringt ein ganzes System in Verlegenheit. Freispruch, lautete im Jahre 2009 ein Urteil aus Steinfurt für eine Kletteraktion gegen den Export von Uranmüll ins Ausland, die für einen Transportstopp von über sechs Stunden und jede Menge Öffentlichkeit für das Thema sorgte. Ja, Kreativität hat gewonnen und war auch in keiner Schublade des Strafgesetzbuch einzuordnen, das war freie Meinungsäußerung... mit artistischen Klettereinlagen... "Das Deutsche Recht ist für die Oberfläche ausgelegt, nicht für die dritte Dimension", orakelte mein Anwalt. "Zu hoch für die Justiz" schrieb die Zeitung.
* subversiv weil, ich durch meinen ungewöhnlichen artistischen Einsatz für die Umwelt eine breite Öffentlichkeit mit zum Teil provokativen und radikalen Inhalte erreichen und einbinden kann. Wenn sogar der Polizeipräsident von Lüneburg sich damit persönlich befasst und mich als "Störfaktor" bezeichnet. Ja, es stört ihn, dass ich mit meinen Ideen und Utopien zahlreiche Menschen erreiche!
* spektakulär und aufsehenerregend, weil nicht jeder Kletterakrobat sein kann. Das ist in sich eine sportliche Leistung und erfordert Professionalismus im Sinne von "fachliches Können". Mit einem Restrisiko ist es auch verbunden... Die Erdanziehungskräfte gelten bei mir genauso wie bei anderen Menschen!
Nicht selten werde ich in den Medien -
und das Wort kommt nicht von mir - als "Kletterkünstlerin"
bezeichnet.
Also ja, politisches Klettern ist eine
Kunst, ich bin Künstlerin.
Das ist meine künstlerische
leidenschaftliche Art, meine Meinung zu Äußern und mich in dieser
Gesellschaft politisch und räumlich zu bewegen.
Und das ist grundrechtlich geschützt: Kunstfreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit
Trotzdem reagiert die Polizei sehr allergisch auf meine vertikalen Bewegungen - und sperrt mich immer wieder präventiv ein. "Sie ist frei und klettert auf das nächste Ding.Das ist ein Störfaktor, dass man unterbinden muss" erzählt ganz herzlich der Lüneburger Polizeipräsident und Castorgesamteinsatzleiter in einem Interview für das Fernsehen. Dabei kennt er mich überhaupt nicht persönlich. Und Klettern in sich ist überhaupt nicht strafbar!