Aktionskletterkunst

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Politisches Klettern, eine Kunst?

Eine kleine Einführung ins Demonstrieren in der dritten Dimension... Oder warum mein Beruf "Aktionskletterkünstlerin" heißt.

Der text ist in meinem Buch "Kommen Sie da runter! (2014, Verlag GWR) sowie im Buch "Die Anti-Atom-Bewegung (2015, Verlag Aossoziation A) erschienen.

Ich schreibe ausserdem immer mal wieder praktische Anleitungen für Kletteraktionen. Sie sind hier verlinkt.

1) Anleitung zum Tripod(dreibein)-Bau als Hingucker oder Blockademittel

l'art de l'escalade militante

Die Kunst des Demonstrierens in der dritten Dimension

Klettern ist meine Leidenschaft. Ich fühle mich oben wohler als unten. Um es auf dem Punkt zu bringen: Ich habe irgendwie Bodenangst.

Unten, das ist nicht meine Welt. Ich kann mich nicht so, wie ich es mir wünsche, bewegen. Was auch einer gewissen Realität entspricht. Ich leide an der Autoimmun- Krankheit rheumatische Arthritis oder chronische Entzündung der Gelenke. Die Krankheit beeinträchtigt mein Leben und meinen Alltag sehr. Insbesondere das Gehen fällt mir schwer. Im Sinne der Horizontalgesellschaft bin ich schwerbehindert.

Nach oben bewege ich mich dagegen flink wie ein Eichhörnchen. Daher mein Spitzname. Ich habe sehr früh mit dem Klettern angefangen, und die dritte Dimension ist meine Welt. Ich fühle und spüre das Klettern. Ich weiß, wie ich meine Kräfte sparen kann und wie ich mit dem Körper balancieren kann, um die Belastung meiner Gelenke gering zu halten. Ich fühle mich beim Klettern wie beflügelt und denke kaum an meine chronischen Schmerzen. Vielleicht ist es das Adrenalin, das mich dabei die chronische Entzündung meiner Gelenke vergessen lässt. Es wirkt wie ein Schmerzmittel. Oben fühle ich mich frei. Freier Blick in die Ferne für große Träume und machbare Utopien. Und das ist auch ein Schritt zu deren Verwirklichung. »Hâtez- vous lentement de faire la rêve-olution!« – Auf Deutsch klingt es nicht so schön wie im Französischen, weil das Wortspiel nicht funktioniert, der Satz bedeutet aber etwa: »Beeilt euch langsam, die ›Traum-revolution‹ zu verwirklichen!«

Als leidenschaftliche Kletterin und politischer Mensch habe ich peu à peu entdeckt, dass politisches Klettern ganz schön effektiv sein kann. Diese Form der Äußerung ist nicht zu übersehen, sie ruft zahlreiche Reaktionen hervor und ist Sand im Getriebe eines verrückten, blinden, zerstörerischen Systems.

Um nur einige Beispiele zu nennen: Baumbesetzungen oder happeningartige Aktionen (kurzfristige Klettereinsätze an unerwarteter Stelle) gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, der Umwelt: gegen Atom- und Kohlegeschäfte, gegen Abholzung und Autobahnbauten oder Flughafenausbauten etc.... Der Protest wird sichtbar und bereitet dem Gegner Probleme.

Soziale Bewegungen sind Bestandteil einer Gesellschaft. Und wie in jedem Bereich der Gesellschaft hat die Kunst auch hier ihren Platz. In sozialen Bewegungen spielt sie eine besonders wichtige Rolle. Kreativität ist in der Tat ein Schlüssel für den Erfolg von Protest. »Kreativität ist eine Waffe«, lautet oft mein Motto. Es geht darum, durch eine besondere »Performance« die Aufmerksamkeit auf das eigene Anliegen zu lenken, um Veränderungen in der Gesellschaft zu erreichen. Dies ist beispielsweise in der Form von Musik oder Straßentheater (und Straßenmusik) sehr geläufig. Warum nicht politisches Aktionsklettern als kreative künstlerische Performance im Einsatz für soziale Bewegungen?

Waghalsige Kletteraktionen sind an sich eine »Performance«. Manche Künstler sind für ihre politischen Texte oder Gemälde bekannt. Ich äußere mich mittels Aktionskunst und politischen Kletterns.

Aktionsklettern ist unkonventionell, kreativ, subversiv, spektakulär und aufsehenerregend. Wie manch andere Kunststücke es auch sein können.

Unkonventionell, weil es eine ungewöhnliche artistische Protestgestaltung darstellt. In einer von ungeschriebenen Gesetzen wie Normen geprägten Gesellschaft ist diese Art der Äußerung provokativ. Ein Gesetz, das vorschreibt, sich ausschließlich horizontal zu bewegen, gibt es nicht. Als ich 2008 aber einmal statt SchaufensterBummeln eine vertikale Stadterkundung an Frankfurter Hochhäusern unternahm, sorgte dies für große Aufregung. Normen in Frage stellen und Menschen zum Nachdenken bringen finde ich gut. Das ist eine Art Befreiung in einer Gesellschaft, die ihre unsichtbaren Fesseln nicht spürt.

Kreativ, weil ich als Kletterakrobatin immer wieder an unerwarteter Stelle in Aktion trete. Das stört den Gegner und imponiert ihm zugleich. Ich passe einfach in keine Schublade hinein. Das bringt ein ganzes System in Verlegenheit. Freispruch lautete im Jahre 2009 ein Urteil aus Steinfurt für eine Kletteraktion gegen den Export von Uranmüll ins Ausland, die für einen Transportstopp von über sechs Stunden und jede Menge Öffentlichkeit für das Thema sorgte. Ja, Kreativität hat gewonnen, und die Aktion war auch in keine Schublade des Strafgesetzbuchs einzuordnen, das war freie Meinungsäußerung... mit artistischen Klettereinlagen...

»Das deutsche Recht ist für die Oberfläche ausgelegt, nicht für die dritte Dimension«, orakelte mein Anwalt. »Zu hoch für die Justiz«, schrieb die Zeitung.

Subversiv, weil ich durch meinen ungewöhnlichen artistischen Einsatz für die Umwelt mit zum Teil provokativen und radikalen Inhalten eine breite Öffentlichkeit erreichen und einbinden kann. Wenn sogar der ehemalige Polizeipräsident von Lüneburg sich damit persönlich befasst und mich als »Störfaktor« bezeichnet! Ja, es stört ihn, dass ich mit meinen Ideen und Utopien zahlreiche Menschen erreiche!

Spektakulär und aufsehenerregend, weil nicht jeder ein Kletterakrobat sein kann. Es ist eine sportliche Leistung und erfordert Professionalismus im Sinne von »fachlichem Können«. Mit einem Restrisiko ist es auch verbunden... Die Erdanziehungskräfte gelten bei mir genauso wie bei anderen Menschen!

Nicht selten werde ich in der Öffentlichkeit – das Wort stammt nicht von mir – als »Kletterkünstlerin« bezeichnet. Also ja, politisches Klettern ist eine Kunst, ich bin Künstlerin. Das ist meine künstlerische, leidenschaftliche Art, meine Meinung zu äußern und mich in dieser Gesellschaft politisch und räumlich zu bewegen.Und es ist grundrechtlich geschützt: Kunstfreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit.

Trotzdem reagiert die Polizei sehr allergisch auf meine vertikalen Bewegungen – und sperrt mich immer wieder präventiv ein. »Sie ist frei und klettert auf das nächste Ding. Das ist ein Störfaktor, den man unterbinden muss«, erzählte ganz offenherzig der damalige Lüneburger Polizeipräsident und Castor-Einsatzleiter in einem Interview für das Fernsehen im Mai 2010. Dabei kennt er mich überhaupt nicht, wir sind uns nie begegnet. Später teilte mir das Bundeskriminalamt mit, ich werde als "relevante Person" geführt, einer Einstufung die zum "Gefährder"-komplex gehört. Menschen die den Staat gefährden. Obwohl Klettern an sich überhaupt nicht strafbar ist! Als ich Klage einreichte, bekam der Staat kalte Füße und nahm die Einstufung zurück.

Die Reaktion der Herrschenden sagt mir aber: Kletterkunst ist effektiv und subversiv. Weiter so!

Cécile Lecomte, Aktionskletterkünstlerin